Didaktische Phänomene & der allgemeine Kampf um das Imaginäre

1. "Subjektindustrie":
 
Nährwerttabelle je 100g: Brennwert 437 KJ; Proteine 14,4 g; Kohlenhydrate 1,1 g; Fett, Vitamine, Farbstoffe usw.
Mehrwerttabelle je 100g: Differenz 857 KJ, Identität 22 g, Freiheit 2,6 g, Konsens, Glück Devianz usw.
Insgesamt: Öffentlichkeitscharakter und konstituierende Wirkung auf das verbrauchende, imaginierte Subjekt.
 
In jeder Waren- oder Dienstleistungsproduktion liegt ein "Mehr-wert-als- verbrauch", das "imaginäre Surplus", das neben dem direkten Gebrauchswert liegt und das "Wesentliche" dieser Produktion ausmacht und als solches auch häufig das eigentlich Begehrte, Getauschte und Umkämpfte ist (und dann auch das teuerste): die Wirkung auf das verbrauchende und produzierende Subjekt und den differentiellen Raum den es dafür benötigt oder produziert. Es handelt sich hierbei zunächst um eine Form von imaginärer Produktion und Konsumtion, das macht sie aber nicht weniger real, ganz im Gegenteil. Das ist soweit transparent; das Wissen darum kann damit auch Teil des Genusses sein. Die einzelnen Waren und Dienstleistungen scheinen zunächst nicht mit allen anderen integriert. Erst auf der Ebene der Gesamtheit der Waren, z.B des Shopping- Centers und dem öffentlichen Umfeld, der Stadt, schießen die einzelnen "Vorstellungswerte", die latent in ihnen vorhanden sind, zusammen. In und durch dieses Ensemble nehmen die Waren und Dienstleistungen Öffentlichkeitscharakter an, in Wechselwirkung zu den Räumen und der Gesamtheit. Sie bedingen sich gegenseitig. Sie gehen nicht bloß mit subjektiven Stimmungen und Gefühlen Verbindung ein, sondern mit intersubjektiven Größen wie Geschichte, Sprache, gesellschaftlichem Sinn; auch mit der ganzen Linie ihrer Implikationen wie Nation, Klassen-, ethnische- und Geschlechterkämpfe.
 
Die Beschreibung beginnt mit Waren und Dienstleistungen als soziale Ware, weil das Imaginäre der postindustriellen Städte, die Vielfältigkeit konkurrierender und potentieller Zeichen, Bedeutungen und Vorstellungen, die aus der Nutzung oder dem Nebebeinander von Nutzungen entstehen, immer aus der Sphäre des Tauschwertes erwachsen, mit ihr, durch oder gegen sie. Unter gegebenen Bedingungen ist die Ware vor allem von einem sozialen Verhältnis durchdrungen, das gleichzeitig in ihr existiert, das aus ihr herausströmt und das sie wiederholen kann: ein Produktionsverhältnis, ein Besitzverhältnis. Durch ihre räumliche Fassung ergreifen die sozialen Waren die Räume die sie beinhalten - sie hören auf selbstbezüglich zu sein. Der Haken an der Konstitution von aktuellen konsumorientierten Orten ist nicht der Konsum an sich, sondern seine Implikationen. Nicht nur daß seine Waren aus überwiegend hegemonialen Produktionsverhältnissen heraus entstehen, das ist schon seit Ewigkeiten so - sondern daß ihr raumergreifendes imaginäre Surplus, ihre sozialen Implikationen, die Strukturen beinhalten, welche Räume ihr Erwerb und Verbrauch benötigt um ihre produktive "Aura" aufrechtzuerhalten und zu reproduzieren. Dadurch wird der Raum zunehmend selbst zum sozialen, ökonomischen Produktionsapparat - selber Ware.
 
 
2. Die Imaginationskuppel über den Zentren der Städte + sozial Imaginierte, die diese Kuppelzentren "bewohnen".
 
Das "Imaginäre" existiert innerhalb der öffentlichen Vorstellung. Es ist ein sozialer, kein individueller Prozess, der es konstituiert: es beinhaltet die Identitäten, die es hervorbringen kann, (der oder das sozial Imaginierte: "So- I") deren Räume/Gegenstände und umgekehrt, und es ist absolut real. Die nicht- subjektive Struktur des Imaginären der Stadt ist vergleichbar mit der Struktur der Sprache. Das Wort an jemanden zu richten, Bedeutungen zuzuordnen, Objekte zu codieren oder umzucodieren, Neologismen zu entwerfen ist ein individueller Akt, aber kohärent. Die Sprache selbst verfügt über eine virtuelle Existenz und grundlegend kollektive Übereinkünfte, die ebenfalls einem Wandel unterworfen, prozessual sind - nur durch intersubjektive Übereinkünfte können Operationen wie der Akt des Sprechens, das Wort als Manifestation der Sprache, als Kommunikation und Produzent fungieren.
 
Das Stadtzentrum mit seinen Gebäuden, Passanten, Dealern, Passagen, Obdachlosen, Angestellten, öffentlichen Plätzen, Gruppen von Jugendlichen, Sicherheitsdiensten, Jobbern, Sitzmöbeln etc wäre ein so beschriebenes Ensemble und tendiert zu einem Symbolmilieu, d.h. es produziert u.a. auch verhältnismäßig einfache positive und negative Images. Jedoch sind sie weniger symbolisch als sozial, denn sie entstehen immer aus einer Bedingung von Besitzverhältnissen. Obwohl die urbanen Zentren zur Redundanz neigen, zur Logik der Ware und zu eindimensionalen Angeboten von Identifikationsrollen, füllen sich die Räume unablässig mit Untercodes, Nebenbedürfnissen und Extrabegehren. Die einzelnen konkurrierenden und potentiellen Vorstellungen eines Ensembles schießen zusammen zu der Sphäre des Imaginären und schaffen darüber eine Art Imaginationskuppel. Diese "Hülle" bildet im doppelten Sinne den Raum: sie ist konstitutiv für den Raum und bildet zugleich den Raum des Möglichen und Unmöglichen, des Vorstellbaren, seiner Funktionen und Potenzen ab. Die "Außenseite" der Kuppel ist zugleich eine imaginäre Grenze und macht eine der wesentlichen Anziehungs und -Abstoßungskräfte dieses Feldes aus. Ihre Konstituierung ist ein politischer Akt. Innerhalb der "Imaginationskuppel" koexistieren weiterhin eine große Anzahl von kontingenten, möglichen Wirklichkeiten. All diese potentiellen Wirklichkeiten streiten um Bedeutung des Raums und darum, ihn nach Außen als Ganzes zu repräsentieren und ihn in ihrem Sinne produktiv zu machen. Wobei man nicht vergessen darf, daß es sich bei einer hohen Zahl von Beteiligten an diesem Streit, um einen existentiellen Kampf handelt, der auch durch diese Strukturen hervorgebracht wurde. Für die Mittellosen und Marginalisierten kann unter diesen Bedingungen die Deutung des Raumes überlebensnotwendig sein. Die sozial Imaginierten konstituieren sich durch einen Zusammenhang, der außerhalb von ihnen existiert. Die Konstituierung des Imaginären als Prozeß ist mit der Etablierung eines Images kurzfristig abgeschlossen, wenn es die äußeren Bedingungen nicht mehr reflektiert und sich nur noch auf seine "Träger" bezieht. So entsteht eine Art abgeschlossener Doppelimpulsmechanismus, der fortan dieses sichselbstverstärkende Paar hervorruft. Das Stigma von einzelnen sozialen Gruppen, die ein lokales Milieu gefährden sollen, ist eine derart strukturierte Produktion. Die Etablierung eines Images riecht nach Konsens, muß es aber noch nicht sein. Das Imaginäre und seine Bilder sind nie wirklich stabil, sondern permanenten Umdeutungen, aber auch Reproduktionen ausgesetzt.
 
Die sozial imaginierte Identität von jungen, städtischen Proffessionellen (Yuppies), oder vielmehr ihr Image, ist genauso einem Wandel unterworfen. - Man kann davon ausgehen, daß ökonomisch aufwendig betriebene Werbung, das Image von Produkten immer auch in relationalen Zusammenhang zu gesellschaftlichen Verhältnissen, politischen Bedingungen, Erfahrungen und Bedürfnissen steht; positive Identifikationsangebote von Waren, die diesbezüglich Veränderungen nicht genügend miteinbeziehen, floppen. Das Unternehmen Hugo Boss, dessen Zielgruppe bis vor kurzem eine soziale Gruppe war, die das symbolische Repräsentationsfeld des Managers begehren sollte, mit den Identifikations- Kriterien: traditionelle Bindung, Solidität, starkes Selbstbild: Krawatte und Anzug, 100 % Arbeitswelt, im Zentrum der Existenz nur der Erfolg, reine Funktionalität... hat in den letzten Jahren eine neue Image-Kampagne entwickelt. Der neue Hugo soll immer noch ein junger professioneller Mann sein: aber er ist anders konzipiert: er hat leicht angepunktes Haar, den nachdenklichen Blick von James Dean, ein scheues Lächeln, unter dem Anzug öfters mal ein T-Shirt, zieht die Schuhe aus und läßt einfach die Seele baumeln, z.B. am Meer. D.h.: nicht mehr nur 100% Aktentasche, sondern auch Kompensation, Gebrochenheit, Unkonventionalität, soziales Subjekt. "Echtes" Leben soll mitgedacht werden: Das neue Image mag einerseits damit zusammenhängen, daß in das aktualisierte Berufsbild des städtischen Professionellen ein hoher Grad an sozialer Tätigkeit, Kommunikation etc. dazugehört, daß die postfordistische Tätigkeit, Faktoren wie Individualismus, Lebensstil/Mode und Freizeit mitbeinhaltet, andererseits, daß die Existenz die auf Funktionalität reduziert wird, ein hohes Potential an Scheitern an der Identifikationsrolle birgt. Der Wert von "es gibt auch noch anderes als Arbeit im Leben und gerade das macht mich zum souveränen Professionellen" wird in das Image integriert. Womöglich ist es der Versuch, Aspekte wie das Chill-out und Image-Brüche, Differenzen zwischen Selbstbild und Rollenangebot in das positive Image des jungen städtischen Professionellen mitaufzunehmen. Korrekturen dieser Art sind symptomatisch für aktuelle Kapitalismen, die durch permanente Modulationen und Erweiterungen, permanente Krisen auffangen.
 
Orte die über ein hohes Maß an Öffentlichkeit und Austausch von Waren und Dienstleistungen verfügen, sind besonders stark von Interessen, Kräften und Gegenkräften durchzogen. Hier spielen die strategischen, nicht-subjektiven Kräfte der institutionalisierten Macht urbaner Gestaltung eine große Rolle. Deswegen finden dort exemplarisch vielfältige Verdrängungsprozesse statt: im exekutiven Sinn (Platzverweise, Razzien, Personalkontrollen), im städtebaulichen Sinn (Stadtmöbel, Architektur, ihre Strukturen und Nutzung) und durch alle Sinne im imaginären Feld: Verdrängung Unterprivilegierter aus dem öffentlichen Bewußtsein oder Produktion des Bewußtseins (Bildung von Images) von der Notwendigkeit ihrer Verdrängung, zur Aufrechterhaltung des Ortes. Die permante Vertreibung und Verteilung Marginalisierter aus dem sichtbaren, öffentlichen Feld der Stadt, bewirken nicht das Ende von "abweichendem" Verhalten und Mangel, sondern sie verändern die soziale Bedeutung dieser Räume und den Gehalt des kollektiv Imaginären. In Räumen, die sich außerhalb der öffentlichen Tauschsphäre befinden, wäre zwar übergangsweise der Schutz vor Polizei und den Sicherheitsdiensten gewährleistet, allerdings für einige nicht das Überleben und für alle nicht die Öffentlichkeit, um sich und die Räume umzudeuten.
  
Die "Herumlungernden" werden wieder zurückkehren. "Herumlungernde" ist der reduzierende, produzierende Begriff, an dem die Deutsche Bahn AG in öffentlich artikulierter Weise festhält und damit soziale Gruppen bezeichnet, die im Bahnhofsumfeld erscheinen und in Widerspruch zu "ihrer", privativen Raumdeutung stehen. (Gemeint sind ausländische Jugendgruppen, Obdachlose, Drogenabhängige, ...) Ein klassisches Beispiel von Image aus Kalkül und selektiver Assoziation, das durch Raum-Interessen entsteht. Die Sprache ist ein aktives Feld des Imaginären, ein Träger, Produzent und Vertrieb.
 
Die aktuelle postfordistische Stadtentwicklungspolitik ist durch die Intention geprägt, Urbanität durch "sichere" soziale Mischung herzustellen. Ökonomische Produktion beinhaltet dann gleichzeitg die soziale Produktion von Raum, die Kontrolle und den Ausschluß von Subjekten, die der nationalen Mittelschicht und ihren Vorstellungen unangenehm sind. Sichtbare Risse in diesen "autoerotischen" Zirkulationen werden dann als Bedrohung empfunden und behandelt. Die Linie, die Differenz und Devianz scheidet, wird lokal verhandelt, und ist Teil der jeweiligen Imagestrategie und Kräfteintention.
 
Das Imaginäre ist ein Medium, durch das die lokale Wachstumskoalition mitgeformt wird, und durch das verschiedene Akteure ein- und ausgeschlossen werden, in dem Norm, Rahmen des Vorstellbaren, Abweichung und damit der Zugang zu öffentlichen Räumen, Arbeitsplätzen usw. definiert, verhandelt und erstritten wird.
 
Die Entwicklung der hegemonialen Konstitution, einer besonderen, einzelnen sozialen Identität, kann aber nicht durch eine einzelne soziale Kraft erklärt werden. Sie erwirbt ihre Bedeutung durch Setzungen kontingenter sozialer Logiken, durch Bereiche partieller Machtkonzentrationen, die dadurch selber Bedeutung erwerben. (Deswegen sollten sich Widerstandsformen nicht nur direkt auf die exekutiven Kräfte, wie Polizei und Wachschutz, fixieren, sondern auch darauf ihre soziale Bedeutung und die relative Bedeutung der Räume die sie besetzen sollen zu verändern.)
 
 
3. Stadtmobiliar und andere Einrichtungen + "So-Ist es in Ordnung"
 
Die Bedeutung entsteht nicht nur durch die Kontrolle von Raum und seiner Nutzungen, sondern auch durch die seines Images. Das Imaginäre kann aber nicht kalkuliert produziert werden, was nicht heißt, daß dies nicht permanent versucht wird und auch unmittelbare, unkalkulierte und repressive Effekte zeigt. Vorstellungen, Begehren, Projektionen, Wünsche entstehen kontinuierlich und sie entstehen im Wechselspiel ihrer Widerstände und Unterstützungen ("die Macht ist immer schon da, wo das Begehren ist".) Der städtische, öffentliche Raum ist ein universeller Kontrollraum und als "Erlebnisraum", die differentielle Ich- Bestätigung oder Ablehnung für seine So-Is.
  
Die Kontrolle des Imaginären bemächtigt sich hier sowohl seiner Subjekte, als auch deren Räume und Gegenstände; sie sind gegenseitig: Jede Form der Macht und Gegenmacht entfaltet sich durch eine Reihe von Zielsetzungen und Kalkül, dadurch tritt sie in Erscheinung. Sobald die Räume von Gruppen "eingerichtet" werden, die eine dominante Form von Macht (ökonomisch, stellvertreterpolitisch oder kulturell) repräsentieren, treten ihre Elemente innerhalb des Ensembles und seiner "Imaginationskuppel" als dominante eindimensionale Kräfte, als didaktische Phänomene in Erscheinung: diese Elemente zeichnen sich dadurch aus, daß sie über einen imaginären "Mehrwert des Gebrauchs" verfügen, welcher das Interesse der Aufrechterhaltung und Regulation "ihres" Raumes repräsentiert und auf seine soziale Bedeutung abzielen will: Die didaktischen Beziehungen sind gleichzeitig intentional und nicht-subjektiv.
 
Und zum Beispiel: der stumm geschwätzige "Mehrwert" des Stadtmobiliars, mit seiner eingeschränkten Nutzung, nicht rumhäng-kompatible Bänke mit Abrollfläche oder Liegesperre, unbequem nach spätestens 10 Minuten:"du sollst hier nicht rumhängen, vor allem nicht horizontal, du bist doch kein Penner - oder doch?!"; der Einkaufs- und Bistropassagen mit dem universellen Hydrokultur- Transitcharakter und Stehtischen: "dies ist ein sozio-technologisch-rationaler Raum: hinterlasse keine Spuren - was zu erledigen?!, sei beweglich - bist du Teil von dieser Bewegung, dann hast du Anteil an diesem Glück", und der privaten Sicherheitsdienste en gros (es gibt bundesweit inzwischen fast soviele Sicherheitsdienste wie Polizisten: Sicherheitskräftedominanz): "es gibt hier gefährliche Subjekte, diese Zone ist gefährdet, schützen wir sie für oder gegen dich?!" Diese Elemente neigen mit dem, (ideal-imaginierten) selektierten Publikum zu einem organisiert, sich selbst optimierenden System, welches gleichzeitig konfliktfreien Raum (Glück) verspricht und sich selektiv abschotten und reduzieren will. Das "Ambiente" ist im Sinne des Wortes und der beschriebenen Kräfte wirklich exklusiv, (was die Waren momentan auf Grund der allgemein verminderten Kaufkraft noch lange nicht sind) und bezeichnet die Intention der Kräfte und keine hermetischen Mechanismen. Das alles funktioniert natürlich so nicht, aber beansprucht den Mythos des ungebrochenenWohlstandes unter der Abwesenheit von Armut und Not. Der Obdachlose stellt durch seine bloße Erscheinung in diesen Räumen die zentralen Werte der postindustriellen Gesellschaft (Wachstum, Freizeit, Reichtum, Individualität) in Frage. Die aktuelle, dominante Deutung des Raumes intendiert die Unsichtbarmachung der Aktivitäten von Obdachlosen, unterbezahlten ArbeiterInnen und Teilzeit- Angestellten.
 
Und zum Beispiel: Der Akt aus den Reihen der CDU, Graffitiproduzenten spürbar durch die "Noffitti"-Kampagne zu kriminalisieren, war weniger die Intention, dies direkt zu unterbinden, sondern vielmehr die soziale Bedeutung dieses Akts, der Akteure und der Räume umzucodieren. Im selben Moment ging es darum, der Raumvorstellung der CDU und der sozialen Gruppe, die sie repräsentiert, und um die sie wirbt, Geltung zu verschaffen. Durch die Kontrolle des Imaginären des öffentlichen Raumes, in der Dichotomie "sauber/verdreckt", "sicher/gefährlich", verschaffen sie ihrer Raumvorstellung Realität; sie verwirklicht sich in der Form, in dem sie ein Raum-Image produziert. Dies fand durch die signalisierte Bedrohung dieses Raumes, durch neue soziale Gruppen statt, deren Identität - " kriminelle, somit gefährliche Jugend-Gangs" - nicht zwangsläufig existierte: zu dieser Zeit war dann konsequenterweise "Dosensprüher-Messerstecher" eine mehrfache Schlagzeile.
  
Tatsächlich waren durch diese Maßnahmen diejenigen, die bei einer der unzähligen Hausdurchsuchungen und Patrouillen erwischt wurden, plötzlich infame Kriminelle, mit horrenden Schulden durch Gerichtskosten und Schadensersatzansprüchen. Aber nicht durch ihr Hervorzerren aus der Dunkelheit, sondern durch ihre Umcodierung. (Die "Dunkelheit" entstand quasi durch das "Licht" der Macht. - Am 13. Januar `95 wurden in Berlin, im Zuge der Noffiti-Kampagne,von 6 Uhr bis 11 Uhr, 88 Hausdurchsuchungen durchgeführt; dafür wurden 400 Beamte losgelassen, ein Aufwand und eine Methode, die eher der "Terroristenfahndung" entspricht. - Seit diesen Vorgängen gibt es das Graffiti "Graffiti ist kein Verbrechen). 2 (neue, real-imaginäre) Räume: die sauber-verdreckten Zentren und die zur Verfügung gestellten didaktischen Frei-Sprühflächen. Die einzelnen Kräfte, Gegenkräfte und Effekte in den öffentlichen Verkehrsmitteln verliefen in einer anderen Modulation: Die SuperPutzmittel und Spraydosenkontrollen erzeugten in Fenster geritzte Zeichen. Die "Beschädigung" der Sitzflächen durch Edding-Stifte produzierten die Vorwegnahme der Zerstörung durch ein kleinteiliges Camouflage- Muster der Stadtmöbeldesigner; das Muster wurde dann entweder mit großflächigen Eddings gekontert oder vorher einfach grundiert. Jetzt gibt es neuerdings, zunächst erst in einer S-Bahn zwischen Potsdam und Erkner, die duch die Zentren der Stadt führt, Alexanderplatz, Friedrichstraße und Zoologischer Garten, ein neues Bezugsdesign: großflächige graffiti-typographieartige Zeichen, inklusive i-Punkt, in silber, rot und blau - ein Pilot-Bezug. Es handelt sich hierbei um einen mehrfach signifikanten Kampf um das Imaginäre, alle Beteiligten versuchen darin auf ihre Art und mit ihren Möglichkeiten, den Räumen durch Handlung eine Bedeutung zu geben und dadurch in Besitz der Räume zu gelangen: "Tag", "Tag" und "Gegen-Tag".
 
 
4. Arbeitszeitverkürzung - Flexible Freizeit – Teilzeitarbeitslosigkeit.
  
Die Kontrolle der teilarbeitenden und teilfreien Subjekte verläuft wieder über das Imaginäre. Sie ist "intersphärisch", sozial und nicht nur an abgegrenzte Bereiche gebunden. Im legitimen Freizeitbereich, sind die Aktivitäten überwiegend an Waren/Verbrauch/Dienstleistung und ihr Imaginationsfeld gekoppelt, gerade das macht sie legitim - "dort" ist das "Intersphärische" am ausgeprägtesten zu verfolgen, da es eigentlich keine wirkliche Auszeit in der Tauschsphäre gibt, nur Freizeitlosigkeit: Die Produktions- und Konsumtionsbereiche sind bereits untrennbar, indem die Produktion das Material der Konsumtion schafft und der Verbrauch die Produktion bedingt (und immer mehr Menschen im Konsumtions-, Dienstleistungs- und Kommunikationsfeld als Produzenten angestellt sind). In diesem Sinne intendiert die Produktion von Freizeitgütern auch die Art und Weise der Konsumtion, in Form von nicht-subjektiven didaktischen Gegenständen, die über gesellschaftliche Implikationen verfügen und ihnen ausströmen. Produktion und Verbrauch sind praktisch ebenfalls Teil des Imaginären, aber bilden darin basale Kräfte. Der Markt ist eng an die neuen Anforderungen und Bedürfnisse der "Ausgleichszeit" angeschmiegt; es wäre falsch, eine eindeutige Kausalität herzuleiten, von wegen was wen wie bedingt: das Bedürfnis die Produktion, das Produkt den Wunsch, denn beides entsteht aus der imaginären Sphäre des Tauschwertes. Die professionellen Produzenten des Imaginären (Designer, Werbefachleute, aber auch Städteplaner und Architekten) manipulieren hiernicht wirklich, sondern ergreifen ihre Chance in der Reproduktion der Images und Bedeutungen, welche die bestehenden Verhältnisse stabilisieren. Frei- und Arbeitszeit tendieren zur Selbstverwirklichung, (Identifikation durch Verbrauch/Profession), um dadurch innerhalb der aktuellen ökonomischen Bedingungen und ihren Subjektentwürfen Wirklichkeit zu erlangen: Das Modell der Regeneration, des Ausgleichs der gegenseitigen Bereiche, verflüssigt sich zugunsten einer verlagerten Verdichtung, der Subjektproduktion - Identitäten welche den marktwirtschaftlichen Flüssen immanent werden und umgekehrt, also gegenseitg ähnlich und als die "Ähnlichen" eine Menge von Unterscheidungsnotwendigkeiten zu den "Anderen" implizieren.
  
"Hallo, ich bin hier der Kartenabreißer" - "ah so - ich bin hier der Kinobesucher" - "nein König", "hi-hi" "hi", beide lachen ein wenig. - Der kleine Witz der kurzfristig in dieser Situation entsteht, entspringt eher der Instabilität der sozial imaginierten Rollen und ökonomie-kulturellem Wissen als der Scham. (Das "hallo" ist nötig um auf die eigene professionelle Funktion aufmerksam zu machen. Minimale Verschiebungen des Habitus und des Standortes genügen schon um als Dienstleister unsichtbar zu werden: trotz Uniform. - 4 Minuspunkte. Schlechtbezahlte Teilzeitjobs und Jobs mit geringem sozialen Status taugen nur begrenzt zur Identifikation.)
  
Trotz der Diffusion der Bereiche gibt es Faktoren, die noch überwiegend der Freizeit zugeordnet werden können: dort wird in der Regel geprüft, ob etwas Spaß macht, ob es im Rahmen des Üblichen liegt, ob es ein guter Einfall ist, ob die Gelegenheit dafür da ist - diese Kriterien machen die "Freizeit" etwas kontingenter und als Boden für Imaginationsprozesse günstiger.) Außerhalb der direkten Arbeitssphäre gibt es mehr unüberschaubare Faktoren und blinde Flecken.
  
Die Produktionen der Arbeitswelt und ihre Bedeutung erfassen auch die Räume aus denen sie entspringen. Die lokalen Räume mit ihrer Bedeutung und Funktion sind verbunden, bilden Schnittmengen, überlagern sich und ihre partielle Raumpolitik. Die Räume der Produktion, die Arbeitsräume, werden von gesellschaftlichen und globalen Zusammenhängen miterzeugt, sind aber von einer jeweils lokalen, produktiven Imaginationskuppel umgeben. Die Imaginationskuppeln über den einzelnen Arbeitswelten ist in der Regel ausgeformter, stabiler, als die "Freizeitsphäre", da die Elemente die sie beinhaltet und die sie erzeugen im Sinne eines elektischen Ventils gerichtet sind und die Kuppel eine Art reflexiven Filter darstellt. Bei der Wahl des Berufes oder Arbeitsplatzes findet häufig bereits im Vorfeld eine selektive Assoziation statt, eine Interaktion zwischen Subjekt, Berufsmilieu und gesellschaftlicher Hegemonie: die Interaktion bewirkt, daß die "richtige" Person in das "passende" Berufsmilieu gelangt, das ihr dann "wie auf den Leib geschrieben ist", in dem sie "ganz aufgeht". Die Arbeitswelt tendiert dann dazu, die bereits selektierten sozial Imaginierten, ihre imaginativen Kräfte, nur im Sinne der maximalen Effizienz, unter Kontrolle fließen zu lassen. Über diese 2 Aspekte gepeilt bildet die Arbeitswelt ein Konzentrat der postfordistischen Gesellschaft ab. Unter den aktuellen Produktionsbedingungen, betrifft das vor allem die sozialen Strukturen. Moderne Firmenräume und Büroflächen sind die differentielle Ich-Bestätigung oder Ablehnung für die angestellten So-Is. Sie neigen als eindeutig sozio- technologisch-rationale Sphäre und Konzentrat eher zur Involvierung, zur Inbesitznahme durch gegenseitige Identifizierungsprozesse - der Angestellen, der Räume und ihren Aufgaben, als zur fordistischen Disziplinierungsform und Einschließung; sie tendieren aber ebenfalls dazu, die hegemoniale Bedeutung der Räume unsichtbar zu machen. Diese Verhältnisse werden aber nicht durch einfache räumliche "Verschleierung" oder Verunklarung der Besitzverhältnisse demarkiert, sondern durch imaginäre Prozesse quasi internalisiert, sie sollen durch die Identitäten gehen. Das Kriterium Flexibilität ist eine wirkungsvolle Involvierungsstrategie - es ist das Diktat die Gesamtheit des Betriebszwecks mitzudenken, zeitlich und mental bereit zu sein Aufgaben zu übernehmen, die den gegenwärtigen Zustand zu überschreiten - eben flüssig zu sein. Das bedeutet eine höhere Verantwortung und damit eine erhöhte Identifikation. Die Identifikation der Angestellten mit der Gesamtheit der Bedeutungen und Aufgaben "ihrer" Räume und Arbeit, korrespondiert mit der Tendenz jüngster Unternehmen neben der Erstellung der "corporate identy" die nach "Außen" wirken soll, die Produktion einer "corporate culture" die im doppelten Sinne nach "Innen" gerichtet ist und neben Kleidungs- und Interaktionsregeln auch die Architektur und Gestaltiung des Interieurs betrifft, ein Ensemble didaktischer Gegenstände. Die c. c. ist eine effizienzfördende Kommunikationsstruktur, die sich über die soziale Bedeutung des Raumes vermittelt und intensivierte Identifikation intendiert - die wiederum erzeugt Verantwortungsbewußtsein und Selbstkontrolle usw, usf. Moderne Firmenräume und Büroflächen erscheinen inzwischen mehr als gut organisierte, transparente Riesen-WGs, denn als hegemoniale Abhängigkeitsgefäße; sie riechen nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit.
  
Die "Intersphäre" und die strategischen Kräfte der Kontrolle des Imaginären sind bereits dann wirksam, wenn in der Arbeitswelt der Schein von Freiheit mitproduziert wird: "Selbstverwirklichung" und "Selbstverantwortung". (Das betrifft genauso den legitimen Freizeitbereich). Das Licht-Double des Super- Angestellten ist die bedingungslose Freiheit mit Selbsteinschränkung zugunsten des Betriebszwecks. Auch das funktioniert nicht lückenlos so und die sozialen Identitäten sind nie ganz identisch oder unterworfen. Es gibt darin passive und aktive Widerstände, Brüche, Fluchten und Scheitern, aber auch absolute Auflösung. Das Imaginäre ist selbst dort permanenten Schwankungen unterworfen. Das entspricht auch der sozialen Gruppe der professionellen Produzenten des Imaginären, der Kreativen, den Werbungsmenschen, Designern, Multimedia- Arbeitern. Sie selbst sind sozial Imaginierte und auch nicht unbedingt die Gewinner darin.
  
An dieser Stelle ist ein Artikel in der taz vom 11.3.97 sehr aufschlußreich: "Wie macht man virtuelle Werbung? Mit euphorischer Selbstausbeutung". Er beschreibt die Berliner Multimedia-Agentur Pixelpark mit dem Motto "Visionär- evolutionär-revolutionär". "Mühelos durchdringt der Blick die ehemalige Fabriketage", (ein ehemals verbreiteter und beliebter WG-Ort) "Glaswände vom Boden bis zur Decke teilen ovale Arbeitsräume ab, die die MitarbeiterInnen "Blubbs" nennen. Kreuz und quer stehen die Arbeitstische, Satzfetzen fliegen hin und her, vermischt mit Radiomelodien...die Haarschnitte sind so kompliziert wie ihre Arbeit...die euphorische Selbstausbeutung erreicht das Niveau von selbstverwalteten Betrieben - nur daß den Angestellten die Firma nicht gehört," Ganz im Gegenteil. Die Angestellten GraphikerInnen arbeiten ohne Überstundenvergütung bis zu 12 Stunden am Tag, beim Lohn eines Verkäufers oder Verkäuferin. Die Löhne werden individuell ausgehandelt. Wer auf der Lohnleiter aufsteigen will, muß seinen eigenen Bewertungsbogen ausfüllen, der durch die Befragung der gleich oder höher gestellten Kollegen verifiziert wird. "Man muß ehrlich zu sich selbst sein" sagt der Antragsteller, ein freier Selbstkontrolleur.
  
Das intersphärische Hauptkriterium "Flexibilität", immer erreichbar zu sein, andere Bereiche zu übernehmen oder zumindestens mitdenken zu können, Arbeit mit nach Hause zu nehmen, sich maximal mit der Arbeit zu identifizieren, ist eigentlich ein Arbeitsbild von Managern, AkademikerInnen und Selbstständigen, diese pemanente Involviertheit hat sich sozial-ökonomisch auch ausgezahlt. Dieses Kriterium diffundiert zunehmend auch in schlechtbezahlte Arbeit und Teilzeitjobs und funktioniert einerseits als verstärkte Involvierung in den Betriebszweck, aber auch als Ausschluß für diejenigen, die dieses Kriterium nicht erfüllen können oder wollen. Das Prinzip mehr Verantwortung, höhere Identifikation, ohne in Besitz der Produktionsmittel zu sein, erhöht die Schwierigkeit, den gegenwärtigen Zustand zu übersteigen und damit den Widerstand, sich aktiv an den sozial imaginierten Identitäten und ihren Räumen zu beteiligen. Diese Bedingung stellt eine zusätzliche, nicht-subjektive repressive Kraft dar.
  
Anmerkung: Das soziale Zeit-Raumverhältnis blieb bisher einfachheitshalber unerwähnt, spielt aber in der Konstitution des Imaginären eine bedeutende Rolle. Bereits die Monetarisierung der Abhängigkeitsverhältnisse führte im allgemeinen zur Form der intersphärischen, sozial-imaginären Kontrolle: wenn das Verhältnis investierte Arbeitszeit zum Lohn und zum Mehrwert der Produktion unausgewogen ist, dann ist auch die Nicht-Arbeitszeit von den sozialen Bedingungen der Arbeitsverhältnisses durchdrungen, also allgegenwärtig. Die Lohnabhängigen sehen sich immer wieder gezwungen, relativ viel Zeit zu investieren um existieren zu können. Dieser Zeitraum ist überdimensioniert im Verhältnis zur Nichtarbeitszeit und ihr partielles Zeit-Lohnverhältnis wird ihnen ununterbrochen durch die verbliebene Zeit für Konsumgüter und die relativ hohe Zeit/Lohn-Einheit die sie dafür investieren müssten vergegenwärtigt. Diese Kontrolle hat kein Gesicht, ist kein individueller Chef. Eine Stunde arbeiten für eine Stunde Kionschauen?, dann noch einen Stunde arbeiten für einen Long Island Icetea, der in 5-10 Minuten weg ist? nnmh
 
 
5. Der allgemeine Kampf um das Imaginäre
 
Das Imaginäre ist instabil und zugleich einer der wichtigsten Stränge in der postindustriellen Gesellschaft. Die aktuellen Umstrukturierungen der Städte in den spätkapitalistischen Zentren unter der Kondition verstärkter Verwobenheit der Produktions- Konsumtions- und Zirkulationsbereichen, ist auch eine veränderte Bedingung der Interaktionsmöglichkeiten - gerade weil sich eine vereinheitlichende Tendenz gesellschaftlich-kulturellen und marktwirschaftlich-politischen Produktionen und Effekte abzeichnet. Die implizierte "Selbstverantwortlichkeit" und zunehmende Durchmischung von geistiger und körperlicher Arbeit erschwert zwar zunächst die Veränderung des Imaginären, aber erhöht im gleichen Moment die Wirkungsmächtigkeit, wenn dies geschieht. Quasi: höherer Einsatz, maximaler Gewinn. Die gleiche Struktur erleichtert den Zugriff auf die Produktionsmittel, ihren Räumen und des Vertriebs, ohne wirklich in deren Besitz zu sein. Ein Grund sich innerhalb der Produktions- und Konsumtionssuppe als Widerstand zu erfinden und die Auflösung der sozial Imaginierten und ihrer Räume durch einige andere zu versuchen. Die aktive Beteiligung am Imaginären der Stadt müßte auf die Konstituierung der Bedeutung von öffentlichen und privaten Räumen und ihren sozialen Identitäten abzielen. (In diesem Sinne spielt die Privatisierung von öffentlichen Räumen eine große Rolle.) Eine Praxis ohne Einbeziehung der `Selbstvorstellung´ aber wäre reproduktiv. Die Beteiligung am Imaginären muß die Bedingungen der Akteure mitreflektieren, [...]

Klaus Weber 1998 ANYP No 8